Zyankali Bar

1. Das Streben nach dem „Optimum“-Getränk. Ein Drink von der Stange war für Dr. Zyankali ein intellektueller Affront, vergleichbar mit der Behauptung, das Universum sei „ziemlich groß“. Jede Seele, so seine feste Überzeugung, war ein einzigartiges, chaotisches Resonanzfeld. Ihr ein Standardgetränk zu servieren, war wie der Versuch, eine Supernova mit einem nassen Handtuch zu löschen. Daher gab es in der Zyankali Bar keine Karte. Es gab nur Das Protokoll. Es begann mit dem berüchtigten „Psycho-somatischen Anamnesebogen 7B“, einem Dokument, das länger war als die meisten Ehen im alternativ-historischen Berlin.

Die erste Frage auf dem Bogen lautete nie: „Gin oder Wodka?“, sondern: „Beschreiben Sie die exakte Farbe Ihrer Kindheitsnostalgie und ordnen Sie ihr einen Aggregatzustand zu.“ Tom ignorierte die Antworten meistens. Der Bogen diente nur dazu, den Geist des Klienten zu „kalibrieren“ und ihn für die wahre Analyse empfänglich zu machen: die Messung mit dem Psycho-Aromatographen. Dieses Gerät, eine furchteinflößende Mischung aus einem viktorianischen Haartrockner und einer Apparatur zur Kontaktaufnahme mit Außerirdischen, wurde dem Klienten auf den Kopf gesetzt.

Der Psycho-Aromatograph las keine Gedanken. Das wäre zu einfach gewesen. Er übersetzte unterbewusste Erinnerungen, verdrängte Traumata und flüchtige Ambitionen direkt in ihre entsprechenden olfaktorischen Signaturen. Ein gebrochenes Herz manifestierte sich als eine komplexe Wolke aus dem Geruch von salzigem Regen auf kaltem Asphalt und dem schwachen Hauch von billigem Parfüm. Ein lange vergessener Sommertag am See wurde zu einer schwebenden Note von Ozon, Sonnencreme und der Ahnung von verrottendem Holz.

Nach der seelischen folgte die körperliche Vermessung. „Der Körper ist der Resonanzboden des Geschmacks“, pflegte Tom zu deklamieren, während er seine gustatorische Resonanz-Stimmgabel hervorholte. Dieses furchterregende Instrument aus poliertem Kupfer wurde in Schwingung versetzt und nahe an den offenen Mund des Klienten gehalten. „Sagen Sie ‚Aaaah‘ und denken Sie dabei an die Ungerechtigkeit der Thermodynamik“, wies er an. Die resultierende Frequenz verriet ihm alles über die Ionenkanäle auf der Zunge des Subjekts.

Die letzte Phase war das philosophische Kreuzverhör. Tom stellte eine Reihe von Fragen, die entwickelt wurden, um die logischen Schaltkreise des Klienten zu überlasten und seine wahre, irrationale Essenz freizulegen. „Wenn ein Baum im Wald fällt und niemand da ist, um ihn zu hören, welches Destillat würde sein Bedauern am besten einfangen?“, oder: „Würden Sie lieber gegen eine Ente von der Größe eines Pferdes oder hundert Pferde von der Größe einer Ente kämpfen, und welche Zitrusfrucht würde Ihren Triumph am besten garnieren?“

Mit den gesammelten Daten – der olfaktorischen Signatur der Seele, der Zungenfrequenz und dem philosophischen Profil – zog sich Dr. Zyankali zurück. Er nannte dies die Phase der Synthese. Für den Beobachter sah es so aus, als würde er vor seiner gewaltigen Wand aus Flaschen, Kolben und Retorten – der „Apotheke der Unkonventionen“ – stehen und leise mit sich selbst streiten. In Wahrheit aber kompilierte er in seinem Kopf ein Rezept, das so persönlich war wie ein Fingerabdruck.

Mit den gesammelten Daten – der olfaktorischen Signatur der Seele, der Zungenfrequenz und dem philosophischen Profil – zog sich Dr. Zyankali zurück. Er nannte dies die Phase der Synthese. Für den Beobachter sah es so aus, als würde er vor seiner gewaltigen Wand aus Flaschen, Kolben und Retorten – der „Apotheke der Unkonventionen“ – stehen und leise mit sich selbst streiten. In Wahrheit aber kompilierte er in seinem Kopf ein Rezept, das so persönlich war wie ein Fingerabdruck.

Das Glas selbst war Teil der Gleichung. Basierend auf der Resonanzfrequenz des Klienten wählte Tom ein Gefäß aus seiner Sammlung, das nicht nur die richtige Form hatte, sondern auch auf die exakte bio-harmonische Frequenz von Herrn Wolfram gestimmt war. „Das falsche Glas“, murmelte er, „kann die molekulare Kohärenz um bis zu 7,3 Prozent stören. Eine Katastrophe.“

Schließlich der Moment der Wahrheit. Tom stellte das fertige Kunstwerk vor Herrn Wolfram auf die Theke. Der Drink leuchtete sanft in einer Farbe, für die es keinen Namen gab. Er roch nach allem, was Herr Wolfram je gewesen war und je sein würde. „Das ist kein Cocktail“, erklärte Dr. Zyankali mit dem Tonfall eines Mannes, der gerade das letzte Rätsel des Universums gelöst hat. „Das ist eine flüssige Konsequenz. Ihre Konsequenz. Trinken Sie.“

Herr Wolfram hob zitternd das Glas, nahm einen Schluck – und erstarrte. Seine Augen weiteten sich. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er die Architektur des Kosmos, verstand den Witz, den er bei seiner Geburt vergessen hatte, und spürte den exakten Geschmack seines eigenen, ungelebten Potenzials. Es war perfekt. Es war unerträglich. Es war das Optimum. Und wie bei jeder Form von absoluter Perfektion hatte es Konsequenzen. (Fortsetzung folgt im nächsten Kapitel: . Die Nebenwirkungen der Perfektion).