

Kapitel 4.3: Die Haltung des Querdenkers zu Getränken. Auf die Konfrontation mit dem Connaisseur folgte die Kollision mit dem Gewöhnlichen. Der nächste Gast, der durch die dampfbetriebene Tür der Zyankali Bar trat, war kein Mann von Welt, sondern ein Mann namens Bodo, dessen gesamter Habitus „Feierabend“ schrie. Er blickte sich in dem Laboratorium aus blinkenden Röhren und zischenden Kolben um, als suche er lediglich eine Steckdose für sein Seelen-Ladekabel.

Bodo ließ sich auf einen Hocker fallen, der leise quietschte und einen kleinen Rauchring ausstieß. Tom Zyankali, der gerade die emotionale Valenz eines Staubpartikels unter einem Chrono-Mikroskop analysierte, blickte auf. „Diagnose?“, fragte er mit der Routine eines Arztes. Bodo winkte ab. „Nee, danke. Nur’n Bier, bitte.“ Die Zahnräder an den Wänden schienen für einen Moment innezuhalten.

„Bier“, wiederholte Tom das Wort, als wäre es eine seltene, unheilbare Krankheit. Er legte seine Instrumente nieder. „Mein Herr, Sie betreten die Sixtinische Kapelle und fragen nach einer Raufasertapete. Sie bitten einen Uhrmacher, Ihnen die Zeit von einer Sonnenuhr zu schlagen. Sie verlangen von mir... fermentierte Banalität.“

„Sehen Sie“, fuhr Tom fort und polierte ein Manometer, „Bier ist ein fertiger Gedanke. Ein Punkt am Ende eines Satzes, der nie geschrieben wurde. Es kommt in einer Flasche und sagt: ‚Hier bin ich. Keine Fragen. Trink mich.‘ Meine Arbeit beginnt aber erst bei der Frage. Ein Cocktail ist ein Dialog. Bier ist ein Monolog, der sich selbst hält.“

Bodo blinzelte. Die philosophische Wucht der Erklärung hatte ihn vollkommen überfahren. „Äh... okay“, stammelte er. „Kein Bier. Verstehe. Dann... vielleicht ein Glas Wein? Ein Roter, wenn’s geht?“ Hätte er um ein Glas flüssigen Stickstoffs gebeten, wäre die Reaktion wohl milder ausgefallen.

Tom atmete tief durch, ein Geräusch wie das Entlüften eines Kesselsystems. „Wein“, sagte er leise. „Die Tyrannei der Traube. Ein flüssiger Diktator, der dem Essen, der Stimmung und dem Gespräch seinen Willen aufzwingt. Wein ist arrogant. Er kommt mit einem Stammbaum, einer Geschichte und der unverschämten Erwartung, dass man ihm zuhört. Ich aber will, dass meine Schöpfungen Ihnen zuhören.“

Er beugte sich über den Tresen, sein Blick intensiv. „Diese Bar ist keine Tränke, Bodo. Es ist ein Kreißsaal für den Geschmack. Ein Ort, an dem Ideen geboren und nicht fertige Produkte ausgeschenkt werden. Bier und Wein sind die Kuckuckskinder der Gastronomie. Sie sind einfach da. Meine Drinks hingegen... die werden.“

„Ich wollte doch nur... was trinken“, flüsterte Bodo, besiegt. Ein Anflug von Mitgefühl huschte über Toms Gesicht. „Das ist die Diagnose: Eine Dehydration der Fantasie. Aber keine Sorge, die Prognose ist exzellent.“ Er wandte sich seinem alchemistischen Arsenal zu. „Die Behandlung ist flüssig.“

Tom extrahierte die flüchtige Seele von geröstetem Gerstenmalz, fing die Ozon-Note eines Sommergewitters ein und vermählte sie mit einem Destillat, das die bittersüße Erinnerung an den letzten Urlaubstag enthielt. Das Ganze wurde mit einem Schaum gekrönt, der durch einen „Nostalgie-Karbonisator“ erzeugt wurde.

Er schob Bodo das Glas hin. Es sah vage wie ein Bier aus, leuchtete aber von innen heraus. Bodo trank. Es war kühl, malzig und unendlich viel mehr. Es schmeckte nach Feierabend, aber auch nach Aufbruch. „Was... ist das?“, hauchte er. Tom lächelte sein wissendes Lächeln. „Das ist die Antwort. Eine Cocktailbar, die Fragen mit Bier oder Wein beantwortet, hat die Frage nicht verstanden.“
