Zyankali Bar

Kapitel 6.1: Online-Plattformen und Inhalte. Konrad fand Tom Zyankali nicht am Destillierkolben oder beim Polieren seiner Zentrifugen, sondern vor einem neuen Monstrum. Es war eine Orgel aus Messingrohren, surrenden Vakuumröhren und Kilometern von Kupferdraht, die alle in einer klobigen Tastatur mündeten. „Nachdem man den Geschmack erschaffen hat, mein Junge“, sagte Tom, ohne sich umzudrehen, „muss man ihn dem Kosmos verkünden. Das hier ist meine Verkündigungs-Engine. Mein persönlicher Zugang zum großen, rauschenden Äthernetz.“

„Ist das... für eine Webseite?“, fragte Konrad zögerlich. Tom schnaubte verächtlich. „Webseite! Welch profanes Wort. Ich betreibe keine schnöde ‚Seite‘. Ich habe einen Ankerpunkt im digitalen Ozean! Mein ‚Zyankalis Kabinett‘ ist kein Ordner mit Daten, es ist ein lebendes Grimoire, in das ich meine Formeln und Philosophien ritze.“

„Dein digitaler Fußabdruck, sozusagen?“, versuchte Konrad es erneut. „Mein Äther-Echo!“, korrigierte Tom ihn scharf. „Jede Formel, jedes Manifest, das ich aussende, erzeugt Schwingungen. Manche Leute hinterlassen Fußspuren im Sand der Zeit. Ich hinterlasse seismische Schockwellen mit Nachgeschmack.“ Er deutete auf einen runden Bildschirm, der eine wirbelnde, psychedelische Karte aus Lichtfäden zeigte. „Das Netz.“

„Und was ist mit... sozialen Medien?“, fragte Konrad und fühlte sich sofort dumm. Tom stöhnte gequält auf. „Die digitalen Marktplätze des Banalen. Eine Notwendigkeit, leider. Aber ich füttere sie nicht, ich spiele mit ihnen.“ Er zeigte auf eine Reihe kleinerer, spezialisierter Röhren, die in verschiedenen Farben glühten. „Das ist mein Oktopus. Jeder Arm ein anderer Kanal, jeder mit seiner eigenen, speziellen Tinte.“

„Dieser hier“, sagte er und klopfte an eine blau leuchtende Röhre, „sendet visuelle Köder. Bilder meiner Kreationen, die direkt das Reptiliengehirn ansprechen. Und der da drüben spuckt akustische Gewürze aus – kurze, unsinnige Gedichte und Geräusche, die sich im Gehörgang festsetzen wie ein hartnäckiger Ohrwurm.“

Tom grinste und tätschelte eine Röhre, die bedrohlich mit violetter Energie knisterte. „Und das ist mein Filter für die Trolle und Kritiker. Er blockiert sie nicht, oh nein. Er sammelt ihre negative Energie, bündelt sie, wandelt sie um und...“, ein lautes KLING ertönte, „...betreibt damit meinen Toaster. Kybernetisches Recycling! Aus Dummheit wird Frühstück!“

„Aber... der ganze Inhalt? Das Management? Das... Branding?“, stammelte Konrad. Tom warf die Arme in die Luft und lachte schallend. „Branding ist für Vieh! Ich betreibe keine Marke, ich inszeniere ein Mysterium! Meine Inhaltsstrategie ist die sorgfältige Dokumentation meines eigenen, glorreichen Wahnsinns. Die einzige Währung im Äthernetz, die niemals an Wert verliert, ist die unerbittliche, ungeschminkte Authentizität!“

Mit einer dramatischen Geste aktivierte er einen Projektor. An der Wand erschien sein „Kabinett“. Es war ein wunderschönes Chaos aus alchemistischen Symbolen, animierten Diagrammen unmöglicher Apparate und Texten, die ihre Schriftart änderten, während man sie las. „Das ist meine globale Stimme“, sagte Tom leise. „Nicht laut. Sondern resonant. Sie summt auf einer Frequenz, die nur die richtigen Leute hören können.“

Ein leises Pling ertönte. Ein kleiner Messingvogel schoss aus einer Klappe an der Maschine, ließ eine winzige Papierrolle in eine Schale fallen und verschwand wieder. „Ah!“, sagte Tom und entrollte die Nachricht. „Eine Anfrage aus der versunkenen Stadt R'lyeh. Sie möchten wissen, wie man einen Gin mit der Essenz der non-euklidischen Geometrie infundiert. Ein Kenner!“

Tom setzte sich an die Tastatur, seine Finger tanzten. Die Verkündigungs-Engine summte auf und ihre Röhren pulsierten in einem Regenbogen aus Farben. „Die Antwort ist unterwegs“, sagte er und lehnte sich zufrieden zurück. „Verpackt in einem Paradoxon, versiegelt mit einem Witz und adressiert an einen Geist am anderen Ende der Welt. Das, mein Junge, ist die Kunst der Online-Präsenz. Alles andere ist nur Tippen.“