


Konrad fand Tom nicht bei der Arbeit, sondern bei der Andacht. Er stand vor einem filigranen Cocktailglas auf der Theke und flüsterte ihm leise Schmeicheleien zu. „Na, mein Kleiner? Wirst du heute jemandem die Leviten lesen? Oder ihm das Geheimnis des Universums verraten?“ Im Glas schwamm keine Flüssigkeit, sondern eine winzige, leuchtende, vage humanoide Gestalt aus schimmerndem Licht.

„Tom, bei allen Zahnrädern des Himmels, was ist das?“, fragte Konrad und schlich näher. „Das“, sagte Tom feierlich und richtete sich auf, „ist der ‚Homunkulus‘. Ein Cocktail, der zurückstarrt. Ein psycho-rezeptives Gel, das sich mit den unbewussten Gedanken des nächststehenden Wesens verbindet und eine temporäre, rudimentäre Persönlichkeit formt.“

Konrad beugte sich vor, bis seine Nase fast das Glas berührte. Die Lichtgestalt zuckte zusammen und formte sich zu einem winzigen, leuchtenden Konrad, der missbilligend die Arme verschränkte. „Erstaunlich“, hauchte Konrad. „Oh, das ist erst der Anfang“, grinste Tom. „Wenn du ihn trinkst, führst du ein direktes Gespräch mit deinem Unterbewusstsein. Er kann dir brillante Ideen geben oder dich stundenlang dafür kritisieren, dass du immer noch nicht gelernt hast, richtig zu kochen.“

„Letzte Woche hatten wir einen Börsenmakler hier“, fuhr Tom fort und polierte ein sauberes Glas. „Sein Homunkulus hat sich geweigert, getrunken zu werden. Er hat eine winzige Gewerkschaft gegründet und bessere mentale Arbeitsbedingungen gefordert. Mehr Tagträume, weniger Sorgen um Aktienkurse. Der Mann ging mit einer völlig neuen Lebensperspektive nach Hause.“

„Aber der Homunkulus ist nur die eine Seite der Medaille“, sagte Tom und seine Stimme wurde verschwörerisch. „Er lehrt uns, die innere Schönheit zu akzeptieren. Komm, ich zeige dir, wie wir die äußeren Vorurteile herausfordern.“ Er führte Konrad zu einem blubbernden Bottich in einer Ecke des Labors, aus dem ein Geruch aufstieg, der an vergessenen Kohl und feuchte Socken erinnerte.

Der Inhalt des Bottichs war eine unansehnliche, trüb-grünbraune Masse von der Konsistenz eines missglückten Puddings. Blasen stiegen langsam auf und zerplatzten mit einem leisen, feuchten Geräusch. „Ich präsentiere:“, verkündete Tom mit dem Stolz eines Künstlers, „‚Konzeptioneller Spinat-Durchfall Nr. 7‘.“

Konrad wich einen Schritt zurück, die Hand vor dem Mund. „Du... du willst doch nicht, dass das jemand trinkt?“ „Nicht wollen, mein Junge, ich bestehe darauf!“, lachte Tom. „Sieh es nicht als Getränk. Sieh es als die letzte Hürde deines Gaumens. Eine Mutprobe für deine Synapsen. Die Frage ist nicht: ‚Schmeckt es?‘ Die Frage ist: ‚Traust du dich, es herauszufinden?‘“

Mit einem wissenden Lächeln tauchte Tom einen kleinen Löffel in die Masse und hielt ihn Konrad hin. „Denn hier kommt der Trick. Das Aussehen ist eine Lüge. Eine köstliche, abscheuliche Lüge.“ Zögernd nahm Konrad den Löffel, schloss die Augen und kostete.

Konrads Augen sprangen auf. Ein Ausdruck ungläubiger Ekstase breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Das... das schmeckt...“, stammelte er, „...nach einem Sonnenaufgang über einem Ozean aus flüssigem Honig, gesungen von einem Chor aus kandierten Veilchen!“ „Genau!“, rief Tom. „Wir servieren eine Lektion in Metaphysik! Beurteile nichts nach seiner Hülle!“

Tom legte einen Arm um seinen Lehrling. „Siehst du? Der Homunkulus zwingt dich, dein Inneres zu konfrontieren, egal wie seltsam es ist. Der ‚Spinat-Durchfall‘ zwingt dich, deine äußeren Vorurteile zu überwinden. Beides, mein Junge, ist der wahre Zweck der Gastrophysik. Wir löschen nicht nur den Durst. Wir justieren die Wahrnehmung.“